Wie man den Schulsport attraktiver machen könnte

4 von 5 Kindern bewegen sich laut WHO nicht genügend. Der Ruf nach einer Reform des Sportunterrichts wird immer lauter. Aber wie könnte das aussehen?

Die neuen Veröffentlichungen der WHO machen gerade in den Medien die Runde. 4 von 5 Kindern bewegen sich zu wenig. Wirklich überraschend kommt das eigentlich nicht, zumindest nicht, wenn man sich mit den Zahlen im Bereich der Kindergesundheit schon etwas befasst hat. Aber was kann man dagegen tun? Ein häufig geforderter Ansatz ist, den Sportunterricht zu reformieren. Wie genau das aussehen könnte, wäre zu diskutieren. Wir haben da auch eine Idee …

Mehr Vielfalt

Fußball, Gerätturnen, Basketball, Volleyball und Leichtathletik. Der klassische Schulsport-Fünfkampf. Gefühlt entfallen etwa 90 % des Sportunterrichts auf diese Sportarten. In der Leichtathletik verteilt man den Anteil noch einmal auf Weitsprung, Laufen und vielleicht einmal Kugelstoßen oder Hochsprung. Alle Jubeljahre fügt man einmal eine Stunde Völkerball oder eine andere ausgefallene Sportart hinzu und fertig ist der Sportunterricht für satte 9 Jahre auf dem Gymnasium. Die Frage ist aber, warum ist das so?

Laut dem Vorsitzenden des deutschen Lehrerverbandes liegt dies an der Erwartungshaltung. Denn gegenüber der Zeit sagte er, von der Schule werde erwartet, klassische Sportarten zu unterrichten. Schüler könnten so herausfinden, in welchen Disziplinen sie gut sind.

Haben wir diese Erwartungshaltung? Die Eltern? Die Kinder? Wir lassen uns da gerne eines Besseren belehren, aber wir haben noch von keinen Eltern oder Kindern gehört, dass sie genau das erwarten würden. Es ist auch die Frage, ob die Kinder tatsächlich in der Schule herausfinden müssen, ob sie in einer „klassischen Sportart“ gut sind. Was ist denn überhaupt eine klassische Sportart? Und wäre es nicht sinnvoller herauszufinden, an welcher Sportart sie Spaß haben, egal ob sie dort gut oder schlecht sind?

Wir denken, der Sport lebt von seiner Vielfalt und genau die sollte der Sportunterricht vermitteln. Alleine auf Tinongo werden über 75 Sportarten vorgestellt. Und obwohl das noch lange nicht alle Sportarten sind, so würde dies doch locker für ein paar Jahre Abwechslung im Schulsport reichen! Aber natürlich ist des für Sportlehrer schwierig. Kommen wir also zu Punkt zwei.

Holt die Vereine in die Schulen

Es ist sicher nicht realistisch, dass jeder Sportlehrer 50 oder 60 oder 70 Sportarten adäquat vorstellen und erklären kann. Aber das muss er auch gar nicht. Holt die Vereine mit an die Schulen! Jeder Verein hat Übungsleiter. Je nach Struktur sind diese entweder hauptamtlich angestellt oder oftmals Studenten, die sich auch an dem einen oder anderen Vormittag etwas Zeit freischaufeln können. Die Schulen müssen mit den Vereinen im Umkreis Kooperationen eingehen. Nicht nur mit zwei oder drei Vereinen, sondern mit allen Vereinen im Umkreis von 20 km oder 30 km.

Vereine würden sehr gerne viel enger an die Schulen rücken, ohne gleich ganze Schul-AGs organisieren zu müssen. Aber für vier Wochen jemanden in den Sportunterricht zu schicken, der gemeinsam mit dem Sportlehrer die Kinder in eine neue Sportart einführt, ist für die meisten Vereine zu stemmen. Die Lehrer bekommen (meist kostenlose) Unterstützung, die Kinder lernen neue Sportarten sinnvoll kennen und die Vereine können neue Mitglieder gewinnen. Denn findet ein Schüler an dieser Sportart gefallen, hat er gleich einen lokalen Ansprechpartner aus einem Verein greifbar.

Natürlich gibt es dabei auch einen Nachteil. Nicht jeder Sport ist im Umkreis von jeder Schule zu finden. Wie sollen denn nun die Sportnoten vergleichbar bleiben? Die Antwort ist: Gar nicht! Denn der Schulsport der einen Schule muss gar nicht mit dem Schulsport einer anderen Schule vergleichbar sein. Wir müssen ohnehin den Leistungsdruck aus dem Schulsport herausbekommen. Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt.

Weniger Leistungsdruck

Noten gehören zur Schule dazu. Die Diskussion dazu ist eine andere und gehört nicht hierher. Allerdings können wir hier gerne Diskutieren, ob Noten im Sportunterricht sinnvoll sind. Wir denken tatsächlich, dass diese sinnvoll sind. Besser gesagt, sehr sinnvoll sein können. Dazu gehört aber eine andere Herangehensweise an die Benotung, als die althergebrachte.

Es liegt doch schon einmal grundsätzlich auf der Hand, dass ein stark übergewichtiges Kind niemals die vorgegebene Zeit für einen 75 Meter Sprint erreichen kannn, um sich damit eine Eins zu verdienen. Aber muss das denn wirklich das Ziel sein? Oder anders gesagt noch einmal zurück zu dem Ansatz, dass Kinder herausfinden sollen, in welchem Sport sie gut sind. Glaubt wirklich jemand ernsthaft, diesem Kind sei nicht von vornherein klar gewesen, dass es im Sprint nicht gut sein wird?

Aber auf der anderen Seite ist es gerade für dieses Kind wahnsinnig wichtig, Sport zu treiben. Und damit es Sport treiben möchte, muss es Lust am Sport finden und dazu motiviert werden, Sport zu treiben. Das kann ich auf der einen Seite damit erreichen, in dem ich dem Kind andere Sportarten zeige, die vielleicht auch mit Übergewicht gut auszuüben sind. Auf der anderen Seite können Noten ein sehr gutes Mittel sein, Kinder zu motivieren.

Im Schulsport sollte nicht benotet werden, wie gut ein Kind einen Sport im Vergleich mit anderen Altersgenossen ist. Es sollte benotet werden, wie sehr es sich bemüht und vielleicht, ob es dem Kind möglich ist, sich nach ein paar Stunden in einer Sportart, in dieser zu verbessern. Im Vergleich zu sich selbst!

Genau diesen Ansatz verfolgen Sportler in Ihrer Karriere immer wieder, nur im Schulsport kommt er nicht an. Zum Thema kam dies schon in einigen unserer Podcasts. Wenn ein Sportler zum Beispiel bei den Olympischen Spielen eine persönliche Bestleistung über 100 Meter läuft, dann wäre er über seinen 12. Platz nicht enttäuscht, nur weil Usain Bolt und 11 andere schneller waren. Gemessen an den eigenen Möglichkeiten war es ein unglaublich gutes Ergebnis.

Dieses Prinzip muss auch im Schulsport ankommen. Dass dies aber auch eine entsprechend große Bürde für Sportlehrer ist, sei nicht unerwähnt. Sie müssen dann nämlich ihre Notengebung den Schülern deutlich transparenter vermitteln. Und wir Eltern müssen unseren Kindern auch klar machen, dass im Schulsport kein Leistungsprinzip gilt. Das alles braucht natürlich auch Zeit. Also zum letzten Punkt unserer Schulsportreform.

Mehr Zeit für den Sport

Drei Stunden Sport in der Woche sind mindestens eine Stunde zu wenig. Alleine aus dem Grund, dass eine Schulstunde mit 45 Minuten einen sinnvollen Sportunterricht gar nicht wirklich zulassen kann. Zieht man die Zeit zum Umziehen der Schülerinnen und Schüler vor und nach dem Unterricht ab, bleiben noch etwa 30 Minuten übrig. Aufbau und Abbau der Gerätschaften dauern noch einmal zehn Minuten und schon bleibt für die Sportstunde nur noch ein 20-Minuten-Fenster übrig. Und selbst wenn 30 Minuten netto für den Sport zur Verfügung stehen, kann sich ein Lehrer in dieser Zeit gar nicht um alle Kinder kümmern, um einen neuen Sport vorzustellen und zu üben.

Was bleibt ist die einfache Lösung, einen Ball in die Mitte zu werfen und die Kinder Fußball spielen zu lassen oder die Stoppuhr auszupacken und alle 100 Meter laufen zu lassen. Spaß am Sport sieht aber anders aus.

Fazit

Sport ist zu wichtig, als dass man den Kindern in der Schule den Spaß an der Bewegung und den Spaß am Sport auch noch nehmen könnte. Im Gegenteil, es muss oberstes Ziel sein, möglichst vielen Kindern Lust auf Sport zu machen. Dafür brauche ich aber ein vielfältiges Angebot mit motivierender Notengebung, geschulten Übungsleitern und entsprechender Zeit.

Nils Kowalczek (Tinongo)

Headerfoto by (Patrick Schneider on Unsplash)