Der Sport und sein Beigeschmack

Gerade fanden in Berlin „Die Finals“ statt. Ein einzigartiges und tolles Sportevent, bei dem gleichzeitig in einer Stadt gleich 10 Deutsche Meisterschaften stattfanden. Aber leider können nicht alle so etwas einfach einmal genießen.

Wann hat man schon einmal die Chance, geballt an einem Wochenende so viel hochklassigen Sport in so vielen unterschiedlichen Sportarten bewundern zu können? Für Sportbegeisterte eine tolle Gelegenheit, einmal über den Tellerrand hinaus zu blicken und nicht nur die altbekannten Sportarten zu verfolgen. Auch die Medien, allen voran ARD und ZDF, berichteten umfassend darüber, so dass auch alle, die nicht in Berlin waren, fast alles miterleben konnten. Auch wenn wohl nachvollziehbar die bekannteren Sportarten auch mehr Sendezeit bekamen, so konnte man doch auch einige weniger bekannte Sportarten nicht nur im Live-Stream mitverfolgen, sondern auch im Fernsehen.

Wann hat man denn schon einmal die Chance, Modernen Fünfkampf live zu erleben? Oder beim Radsport nicht nur die Bahnradfahrer oder die Straßenrennen zu verfolgen, sondern die wahnsinnige Körperbeherrschung der Trial-Athleten bewundern zu können? Und neben Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, Bogenschießen und Triathlon konnte man auch noch Boxen und Kanu erleben. Die letzten beiden Sportarten sind leider noch nicht bei Tinongo vertreten.

Erfolgreiche „Tinongo-Sportler“

Besonders gefreut hat mich natürlich, dass dann auch noch ein paar „unserer“ Sportler so erfolgreich waren. Denn Annika Schleu holte ihren vierten Deutschen Meistertitel und ist eine der Sportlerinnen und Sportler, die im Podcast von ihren Anfängen im Sport und der Liebe zu ihrer Sportart erzählen.

Poul Zellmann, ebenfalls bei Tinongo in einem tollen Podcast zu hören, gewann über die 200 Meter Freistil ebenfalls den Deutschen Meistertitel.

Und auch Sophie Scheder (Podcast) präsentierte sich nach viel Verletzungspech in der Vergangenheit in einer tollen Verfassung und gewann die Silbermedaille am Stufenbarren.

Den Dreien könnt ihr übrigens auch auf Instagram folgen. Annika Schleu Sophie Scheder Poul Zellmann

Ich leide mit und ich freue mich mit

Als ehemaliger Leistungssportler genieße ich solche Wettkämpfe besonders. Ich weiß ja noch, wie viel Zeit und Fleiß und Blut und Laktat und Organisation in der Vorbereitung auf solche Höhepunkte stecken. Daher leide ich mit allen Athletinnen und Athleten mit, bei denen es nicht so läuft, wie sie sich das erhofft haben. Und ich freue mich mit Sportlerinnen und Sportlern, die genau das schaffen, was sie sich vorgenommen haben. Oder sogar noch mehr. Ich zittere mit Malaika Mihambo mit, als sie vor ihrem dritten Versuch im Weitsprung vor dem überraschenden Aus steht und breche vor dem Fernseher in Jubel aus, als sie dann mit dem letzten Sprung über 7,16 Meter eine neue Weltjahresbestleistung hinzaubert.

Ich stöhne beim Trial bei jedem Fehler von Larena Hees auf, den sie im Zweikampf um den Titel begeht und freue mich dennoch mit Nina Reichenbach über deren gewonnene Meisterschaft.

Und ich sitze staunend vor dem Fernseher, als Konstanze Klosterhalfen ihre Konkurrentinnen in Grund und Boden läuft und einen unfassbaren neuen deutschen Rekord über 5.000 Meter hinzaubert.

Ich freue mich riesig für Andreas Hofmann, der im letzten Versuch beim Speerwurf plötzlich "einen raushaut" und sich den Titel sichert. Gleichzeitig leide ich mit Julian Weber, der mit seinem ersten Versuch ein Zeichen setzte und mit diesem bis zu jenem letzten Wurf von Andreas Hofmann den Titel fast sicher hatte.

Ja, ich sitze (oder stehe) vor dem Fernseher und freue mich über diese tollen Leistungen. Nicht mehr und nicht weniger.

Und immer diese Zweifler

Aber leider kommen bei jeder Top-Leistung auch immer wieder die Zweifler an. „Kann das denn überhaupt möglich sein? Also legal? Die müssen doch gedopt haben! Anders ist das gar nicht machbar. Wie kann denn eine Deutsche so stark über 5.000 Meter sein, wo doch sonst nur die Afrikanerinnen vorne sind. Und die dopen ja sowieso alle!“

Natürlich ist der Sport leider nicht immer sauber, keine Frage. Zu oft werden Dopingsünder überführt, als dass man das einfach ignorieren könnte. Aber ist deswegen gleich ein Generalverdacht gerechtfertigt? Vielleicht bin ich da auch zu naiv. Ich komme aus einem sauberen Sport. Im Feldhockey gibt es meines Wissens tatsächlich kein Doping. Während meiner kompletten Bundesliga- und Nationalmannschaftszeit bin ich nicht einmal damit in Berührung gekommen. Vielleicht steht auch einfach das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht dafür. Doping kostet Geld, Hockey bringt aber kein Geld. Mag sein. Aber dennoch bin ich der Meinung, pauschal bei guten Leistungen Doping zu unterstellen, ist nicht gerecht.

Bleiben wir kurz bei Konstanze Klosterhalfen. Sie hat den Deutschen Rekord um 15 Sekunden und ihre eigene Bestleistung um 25 Sekunden verbessert. Das ist natürlich Wahnsinn. Aber ist das tatsächlich nicht auch durch eine konstante Entwicklung und professionelles Training möglich. Immerhin hat gerade sie schon seit ihrer Jugend beeindruckende Bestleistungen vollbracht und diese kontinuierlich gesteigert. Und ich möchte wirklich stark bezweifeln, dass eine 14-jährige bereits lustig vor sich in dopt. Auch der Wechsel in das Trainingsprogamm in den USA wird in diesem Zusammenhang als „Indiz“ gerne ins Feld geführt. Ganz ohne Beweise, einfach so. Darauf möchte ich hier gar nicht tiefer eingehen, denn das kann jeder daran interessierte dank Google selbst tun. Fakt ist auf jeden Fall, dass man seine Leistung immens steigern kann, wenn man sich ausschließlich auf seinen Sport konzentrieren kann, ohne gleichzeitig noch seine Ausbildung, sein Studium oder seinen Job unter einen Hut bringen muss. Wenn man sich nicht um neue Sponsoren kümmern muss. Wenn man sein ganzes Leben einzig und allein auf das Training auslegen kann.

Und die Medien?

Dass dann viele Couchsportler, die niemals selbst auch nur annähernd Leistungssport betrieben haben, solche Zweifel hegen, finde ich schon schade. Sehr schade. Aber ich kann es in Teilen sogar nachvollziehen. Denn viele springen dabei nur auf den Zug auf, den die Medien in Teilen fahren. Natürlich gehört es zur journalistischen Arbeit, auch Dinge kritisch zu sehen und zu hinterfragen. Es gehört in meinen Augen aber nicht dazu, Vorurteile zu schüren. Und rund ist das Ganze auch nicht. Auf der einen Seite positionieren sich ARD und ZDF bei einem Event wie „Die Finals“ als die großen Medienpartner, auf der anderen Seite bieten sie aber auch einem Hajo Seppelt, der zweifelsfrei viel im Kampf gegen Doping bewirkt hat, eine Plattform, um ohne Beweise alle Athletinnen und Athleten quasi unter Generalverdacht zu stellen.

Es gibt aber auch positive Beispiele in den Medien. Denn während bei den meisten leider nur dieser fade Beigeschmack wabert, schaffen es andere, sich sinnvoll damit auseinanderzusetzen. Zum Beispiel zeigt Sport1, warum die Entwicklung von Konstanze Klosterhalfen eben nicht auf Doping zurückzuführen sein muss, sondern warum bereits viele ein solches Entwicklungspotential bei ihr gesehen haben. Schade, dass dies viel zu selten geschieht und fast untergeht.

Es tut mir in der Seele weh

Es tut mir als Sportler weh. Denn ich glaube an sauberen Sport. Vielleicht ist das naiv. Aber ich bin selbst durch so viele sportliche Höhen und auch Tiefen gegangen, ich habe mich gequält, um genau im richtigen Moment meine absolute Bestleistung abrufen zu können (mal erfolgreich und mal nicht), ich habe selbst dieses Glückgefühl erleben dürfen, wenn einfach alles gepasst hat und den Frust, wenn alles schief lief. Ich möchte in einem solchen Moment einfach nur den Sport genießen und mich mit den Sportlern freuen, die das auch gerade erleben können und mit denen leiden, die das erleben müssen.

Ich vertraue auf unser System. Ich glaube, dass Dopingsünder irgendwann auffliegen werden. Genau dann werde ich mich auch damit befassen. Aber bis dahin gilt für mich die Unschuldsvermutung und ich genieße den Sport und den Moment.

Nils Kowalczek (Tinongo)